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Der Eisbär

Menschen und Eisbären

Schon vor der Berührung mit Europäern jagten die indigenen Völker Nordasiens und Nordamerikas Eisbären, insbesondere wegen ihres Fells und Specks. Im 20. Jahrhundert intensivierte sich die Bejagung aufgrund der kommerziellen Nutzung aller Körperteile, vor allem aber aus reiner Vergnügung (Trophäenjagd). Die ausgiebige Nutzung von Flugzeugen zur Lokalisierung der Tiere und als Transportmittel führte zur drastischen Schrumpfung der Populationen in den 1950er und 1960er Jahren auf weltweit insgesamt 5.000 bis 10.000 Tiere (geschätzt). Im Jahr 1973 beschlossen Kanada, die USA, Dänemark (für Grönland), Norwegen (für Svalbard - Spitzbergen) und die Sowjetunion ein Abkommen, das die Jagd einschränken, die Habitate schützen und die gemeinsame Forschung verstärken sollte. Mit Ausnahme von Sonderregelungen für indigene Völker ist die Eisbärenjagd inzwischen weitgehend verboten. Durch solche Schutzmaßnahmen nahm die Zahl von Eisbären nach Schätzungen der IUCN (International Union for Conversation of Nature and Natural Resources) weltweit auf derzeit etwa 20.000 bis 25.000 Tiere zu. 

In jüngerer Zeit sind allerdings zwei weitere Faktoren für die Bedrohung der Eisbären maßgeblich geworden. Zum einen wird durch die verstärkte Förderung von Erdöl und Erdgas in den arktischen Regionen ihr Lebensraum eingeschränkt. Insbesondere die Gebiete, in denen sich die Weibchen zur Winterruhe und zur Geburt zurückziehen, werden hierdurch in Mitleidenschaft gezogen. Zum anderen wird befürchtet, dass die Lebensräume der Eisbären durch die globale Erwärmung generell drastisch zurückgehen werden.

So berichteten Forscher der US-Wissenschaftsbehörde US Geological Survey im Juni 2006 in der Zeitschrift ''Polar Biology'', dass sie seit 2004 wiederholt Überreste von erwachsenen weiblichen Tieren gefunden hätten, die von männlichen Artgenossen getötet und teilweise aufgefressen worden seien. In einem Fall habe man Fußabdrücke eines Jungtieres neben dem toten Weibchen entdeckt. Das Jungtier habe entkommen können, weil das angreifende Männchen ihm nicht gefolgt sei. Die Forscher um Teamleiter Steven Armstrup werteten dieses Verhalten als Anzeichen dafür, dass Hunger die treibende Kraft für den Angriff war und nicht das Töten eines fremden Jungtieres. Alle Fälle ereigneten sich in Gebieten, in denen das Polareis mehr und mehr wegschmilzt. Die Tiere in diesen Regionen seien zudem auffallend dünn. (Spiegel online.de 13.Juni 2006)
Auch nach Beobachtungen der Inuit sind die Eisbären wegen der Eisschmelze im Polarmeer gefährdet. Sie ertrinken, weil das Eis auf Grund der Klimaerwärmung nicht dick genug ist. Dabei sind sie durchschnittlich 50 Kilo leichter als vor 20 Jahren. 

Die IUCN führt den Eisbär im Status gefährdet und rechnet mit einem Rückgang der Bestände. Andere Quellen widersprechen dem jedoch und sehen gegenwärtig keine nachhaltigen Belege für einen möglichen Rückgang der Populationen (Dr. Mitchell Taylor: Silly to predict their demise). Aussagen zur Gefährdungslage sind jedenfalls nicht einhellig und veröffentlichte Daten über einen prognostizierten Aussterbezeitpunkt des Eisbären rein spekulativ. Unstrittig ist, dass eine objektive Beurteilung eng mit dem Fragenkomplex globale Erwärmung zusammenhängt.

Menschen gehören zwar nicht zum Beuteschema des Eisbären; als vorrangiger Fleischfresser ist er dennoch für Menschen potentiell gefährlicher als andere Bärenarten. Wenn es auch wegen der dünnen Besiedlung der Arktis verhältnismäßig selten zur Konfrontation kommt, wird trotzdem von Zeit zu Zeit über für Menschen tödliche Begegnungen berichtet. Überwiegend sind die Angreifer hungrige, kurz zuvor von der Mutter entwöhnte Jungbären. Nicht selten verhalten sich aber auch die betroffenen Menschen sehr unvorsichtig.

In Siedlungen, die im überkommenen Lebensraum von Eisbärpopulationen liegen, werden Eisbären bisweilen als Plage angesehen, gegen die Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssen. Ein Beispiel hierfür ist die für ihre hohe Zahl von lokalen Eisbären bekannte und deswegen von Touristen besuchte kanadische Stadt Churchill (Manitoba) an der Hudson Bay mit je nach Jahreszeit 750 bis 1200 Einwohnern. In den überwiegend eisfreien Monaten Mai bis November dringen immer wieder hungrige Bären auf Nahrungssuche ins Stadtgebiet vor, da dieses auf traditioneller Eisbärenregion errichtet wurde. Zum Schutz der Bewohner wurden vor Jahren besondere Eisbärenwarndienste eingerichtet. Hartnäckig vagabundierende Bären werden von der ?Eisbärenpolizei? eingefangen und in ein Bärengefängnis gebracht, wo sie nur Wasser erhalten, damit sie sich nicht an die menschliche Versorgung gewöhnen. Bis zum Überfrieren der Hudson-Bay gefangen gehalten werden die Bären erst freigelassen, wenn sie wieder Robben jagen können und nicht mehr auf andere Nahrungssuche angewiesen sind. Mit dem Hubschrauber werden sie in eine abseits gelegene Gegend ausgeflogen, damit sie Menschen nicht mehr gefährlich werden können.

In der Mythologie der Inuit spielt »Nanuq« (Inuktitut-Wort für Eisbär, englisch geschrieben: Nanook) generell eine bedeutende Rolle. Regional gab es sogar einen Mythos, wonach ein besonders hervorgehobener Eisbär ?Herr der Eisbären? sei und entscheiden könne, ob sich die Jäger den Regeln gemäß verhielten; erst danach sei eine erfolgreiche Eisbärenjagd möglich. Auch von anderen arktischen Völkern sind ähnliche Mythen bekannt. Bis heute ziert der Eisbär das Wappen Grönlands und auch andere Wappen und Flaggen nordischer Länder.

Literatur

  • Douglas P. DeMaster und Ian Stirling: '
    'Ursus maritimus''. In: Mammalian Species No. 145, S. 1-7

  • Ronald M. Nowak: 
    ''Walker's Mammals of the World''. 
    Johns Hopkins University Press, 1999 ISBN 0-8018-5789-9

  • Bernhard Grzimek: 
    ''Grzimeks Tierleben'', Band 12 (Säugetiere 3)
     Bechtermünz, 2001
    ISBN 3-8289-1603-1